Wem gehört das Lagebild?
Früher kontrollierten Behörden, Medien und Einsatzorganisationen weitgehend den Informationsfluss in Krisen- und Katastrophenlagen. Heute entsteht ein Lagebild gleichzeitig auf Smartphones, in WhatsApp-Gruppen, auf TikTok und in sozialen Netzwerken.
Das verändert Machtverhältnisse.
Auf Basis einer wissenschaftlichen Untersuchung der Social-Media-Kommunikation von Einsatzorganisationen während der Hochwasserkatastrophe 2024 in Niederösterreich zeigt dieser Vortrag, wie sich die digitale Öffentlichkeit verändert hat – und warum viele Institutionen noch immer in Kommunikationslogiken des 20. Jahrhunderts verharren.
Die Bevölkerung ist längst Teil der Informationsinfrastruktur. Sie dokumentiert Ereignisse in Echtzeit, organisiert Hilfe, widerlegt Gerüchte oder verbreitet neue. Währenddessen nutzen viele Organisationen soziale Medien noch immer primär als zusätzlichen Lautsprecher statt als Quelle für Lageinformationen, Dialog und digitale Lagebeurteilung.
Dabei geht es nicht nur um Katastrophenschutz. Es geht um die grundlegende Frage, wer in einer digitalisierten Gesellschaft Deutungshoheit besitzt. Wer entscheidet, welche Informationen sichtbar werden? Wer erkennt Desinformation? Und welche Rolle spielen staatliche Institutionen, wenn Bürger selbst Teil des Lagebilds werden?
Der Vortrag verbindet Katastrophenkommunikation, Plattformforschung und demokratische Öffentlichkeit zu einer Diskussion über Macht, Vertrauen und die Frage, wie Institutionen in einer vernetzten Gesellschaft handlungsfähig bleiben können.