Durch den Tech-Dschungel an den Grenzen – wie Grenzen zum Experimentierfeld für Big Tech wurden

Durch den Tech-Dschungel an den Grenzen – wie Grenzen zum Experimentierfeld für Big Tech wurden

Judith Kohlenberger , Franziska Grillmeier , Anna Alboth , Dennis Miskić

03.10.2026 16:15–17:15
anker:saal
Deutsch
Podiumsdiskussion
Politik & Gesellschaft
#Demokratie #Journalismus #Recht #Technologie
Seit Juni 2026 werden im Zuge des reformierten EU-Asylsystems biometrische Daten von Flüchtenden bereits ab einem Alter von sechs Jahren erfasst. Doch wer trägt die Verantwortung, wenn diese Systeme versagen?

Die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS), die seit Juni 2026 in Kraft ist, treibt die Digitalisierung der europäischen Migrationspolitik weiter voran. An den EU-Außengrenzen werden im Rahmen neuer Screening-Verfahren innerhalb weniger Tage biometrische Daten von Asylsuchenden erfasst – bereits ab einem Alter von sechs Jahren. Fingerabdrücke, Gesichtsbilder, Namen, Alter und Staatsangehörigkeit werden in Datenbanken gespeichert, miteinander abgeglichen und über nationale Grenzen hinweg zugänglich gemacht.

Kameras mit Gesichtserkennung, Systeme zur Erfassung biometrischer Daten, Sensoren und Drohnen sollen Bewegungen verfolgen, Grenzübertritte dokumentieren und Migration „steuerbar“ machen. Die Grenze wird damit zunehmend zu einer digitalen Infrastruktur aus Daten, Algorithmen und Überwachungstechnologien.

Hinter dieser Entwicklung stehen politische Entscheidungen und ein milliardenschwerer Markt für Sicherheits- und Grenztechnologien. Doch was passiert, wenn Technologien, die im Namen der Sicherheit eingeführt werden, selbst zu einer Quelle von Unsicherheit werden? Und wer wird zur Verantwortung gezogen, wenn algorithmische Fehler, Diskriminierung, Datenlecks oder Machtmissbrauch auftreten?

Doch Europas Grenzen werden nicht nur zu digitalen Infrastrukturen. Entlang der östlichen Außengrenze Europas entstehen zugleich physische Infrastrukturen aus Mauern, Zäunen, Sensoren und Sperrzonen, die Wälder, Migrationsrouten und ganze Ökosysteme verändern. Während Staaten versuchen, menschliche Mobilität durch Technologie und Militarisierung zu kontrollieren, bewegen sich Tiere, Krankheiten, Wassersysteme und ökologische Prozesse weiterhin über Grenzen hinweg. Damit werden zugleich die Grenzen technologischer Kontrolle sichtbar.

In dieser Podiumsdiskussion wird die österreichische Migrationsforscherin Judith Kohlenberger vom Research Institute for Migration and Forced Displacement Management (FORM) an der WU Wien die wichtigsten Veränderungen durch das GEAS einordnen.

Die deutsche Journalistin Franziska Grillmeier, die auf der griechischen Insel Lesbos lebt, wird über die aktuellen Entwicklungen in der Ägäis sprechen.

Die polnische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Anna Alboth berichtet von ihrer jüngsten Recherche entlang der östlichen Grenze Europas – von Finnland über die baltischen Staaten bis nach Polen. Sie untersucht, wie neue Grenzinfrastrukturen, die Migration verhindern sollen, gleichzeitig Wälder, Wildtierkorridore und lokale Ökosysteme verändern.

Europas neue Grenzen sind damit nicht nur Versuchslabore für Überwachungstechnologien. Sie sind zugleich groß angelegte Experimente, die Landschaften und Ökosysteme verändern.

Im Mittelpunkt der Diskussion steht deshalb auch die Frage, wie Alternativen zu einer immer stärkeren Überwachung aussehen können. Lassen sich Sicherheit, Verantwortlichkeit und Fairness miteinander vereinbaren? Und wenn ja: Wie können wir uns dafür einsetzen?

Ist der Schutz von Menschenrechten, Datensouveränität und ökologischer Integrität an den Grenzen lediglich eine Utopie oder sind sie notwendige Voraussetzungen für demokratische Gesellschaften, die Sicherheit gewährleisten wollen, ohne dabei ihre grundlegenden Werte aufzugeben?